Der Fluss, an dem Mara arbeitete, hatte in ihrer Kindheit nach Öl gerochen. Ihr Betrieb hatte ihn in zwanzig Jahren in sein altes Bett zurückgeführt, Kurve für Kurve, und als die ersten Lachse wiederkamen, feierte die Stadt ein Fest. Bei jedem Vorhaben am Ufer saß eine Sachwalterin mit am Tisch, die für den Fluss sprach und für die, die ihn in hundert Jahren erben würden. Sie stimmte nicht immer zu. Manchmal hatte sie recht.
Alles, was dieses Werk entwirft, der Ring, das Recht, die Wirtschaft, die Bildung, steht auf einer Voraussetzung, die keine Mehrheit beschließen und keine Versammlung aufheben kann: einem lebendigen Planeten. Auf einer zerstörten Erde stellt sich die Frage nach der besten Ordnung nicht mehr. Die Verantwortung für den Planeten ist deshalb nicht eine der fünf Grundlagen unter anderen. Sie ist die, ohne die die übrigen vier keinen Ort mehr hätten. Dieses Kapitel führt zusammen, was aus ihr folgt.
Die planetaren Grenzen
Der Ausgangspunkt ist eine Einsicht, die der Politik vorausliegt, weil sie der Physik entstammt: Der Planet hat Grenzen. Die Wissenschaft hat sie als planetare Belastungsgrenzen benannt, die Stabilität des Klimas, die Vielfalt des Lebendigen, die Reinheit von Wasser, Luft und Boden, und jenseits dieser Grenzen kippt das System, das alles Leben trägt. Wir haben Böden ausgelaugt, Meere überfischt, Wälder gerodet und Treibhausgase in die Atmosphäre gepumpt, als gäbe es kein Morgen. Arten sterben in einem Tempo, das an die großen Aussterbewellen der Erdgeschichte heranreicht. Wir wissen es, wir wissen es seit Jahrzehnten, und wir handeln, als hätten wir endlos Zeit. Daraus folgt, dass SOLIS die Grenzen als das behandelt, was sie sind: als Wand, innerhalb deren alles Wirtschaften und alle Freiheit ihren Raum haben. Die ökologischen Kosten gehen verpflichtend in jeden Preis ein, sodass das Belastende teurer ist als das Schonende. Die Grenzen der Entnahme werden nicht dem Markt überlassen, sondern von den Versammlungen festgelegt und vom Prüforgan überwacht. Was einmal als Grenze des Überlebens erkannt ist, kann keine Konjunktur wieder aufheben.
Regeneration statt bloßer Bewahrung
Wo bereits zu viel zerstört ist, genügt der Schutz nicht mehr. SOLIS setzt deshalb über die Bewahrung hinaus auf Wiederherstellung: nicht nur weniger zu schaden, sondern aktiv zu heilen. Wälder werden nicht nur erhalten, sondern zurückgebracht. Böden werden nicht nur geschont, sondern aufgebaut. Flüsse werden nicht nur weniger belastet, sondern in ihre alten Betten und in ihre Lebendigkeit zurückgeführt. Verfahren, die Kohlenstoff der Atmosphäre entziehen und in Böden und Wälder zurückführen, sind Teil dieser Heilung, aber nicht ihr Ersatz. Sie treten neben die Vermeidung, nicht an ihre Stelle. Damit verschiebt sich der Maßstab des Erfolgs vom geringsten Schaden zur größten Genesung. Eine Generation, die dem Planeten mehr zurückgibt, als sie ihm nimmt, kehrt die Richtung um, in der die Menschheit lange mit ihrer Mitwelt verfahren ist.
Der geschlossene Kreislauf
Die Natur kennt keinen Abfall. Was das eine Wesen ausscheidet, ist die Nahrung des anderen. SOLIS macht dieses Prinzip zur Grundform des Wirtschaftens, und die Wirtschaftsordnung hat gezeigt, wie es in die Preise und in die Regeln der Erzeugnisse eingebaut ist. An die Stelle der geraden Linie von der Entnahme über den Gebrauch zum Müll tritt der geschlossene Kreislauf. Stoffe werden so lange wie möglich genutzt, wiederverwendet und hochwertig verwertet, Reparatur steht vor Ersatz, Wiederverwendung vor Verbrauch, und ganze Industrien sind so verbunden, dass die Reste der einen zu den Rohstoffen der anderen werden. Eine ausgediente Gerätehülle wird nicht verbrannt, sondern zerlegt, gereinigt und in neue Erzeugnisse überführt. Das geht über die Verwertung hinaus. Es ist ein Entwurf, der von Beginn an auf Zirkulation angelegt ist, und er verändert auch die Menschen, die in ihm leben: Wer repariert, statt wegzuwerfen, baut wieder eine Beziehung zu den Dingen auf.
Doch dieser Kreis dreht sich nicht bloß im Kreis. Er hält die Stoffe im Fluss und trägt zugleich das Wissen und den Wohlstand nach oben. Kreislauf im Stofflichen, Fortschritt im Geistigen: Das ist die Spirale, in der eine Zivilisation dauern kann, ohne sich selbst zu verzehren.
Das Recht der Mitwelt
SOLIS weitet den Kreis der Rücksicht über den Menschen hinaus. Ein Ökosystem, ein Fluss, ein Wald sind nicht bloß Eigentum und Rohstoff. Sie haben ein eigenes Gewicht, das in Entscheidungen zählt. Tiere sind fühlende Wesen, denen die Ordnung Leid erspart, wo sie es kann, und die Haltung, die sie zu bloßem Material macht, hat in ihr keinen Platz. Wo weitreichende Vorhaben die Mitwelt berühren, erhält sie eine Stimme durch bestellte Sachwalter, die ihre Belange vor den Versammlungen, den Ethikräten und den Gerichten vertreten, wie ein Vormund die Belange dessen vertritt, der für sich nicht sprechen kann. Und weil der Planet auch den künftigen Generationen gehört, steht jede Entnahme unter dem Vorbehalt, dass die Nachkommenden ihn noch bewohnbar vorfinden. Daraus folgt, dass die Ethikräte Vorhaben ausdrücklich an diesem doppelten Anspruch prüfen: gegenüber der lebenden Mitwelt und gegenüber den kommenden Menschen. Eine Ethik, die nur Menschen meint, ist zu klein.
Landwirtschaft und Ernährung
Nichts verbindet den Menschen enger mit dem Planeten als das, was er isst. Die Landwirtschaft in SOLIS arbeitet deshalb mit der Natur statt gegen sie. Böden werden durch Fruchtwechsel, Humusaufbau und Agroforstsysteme aufgebaut statt ausgelaugt, Wälder so bewirtschaftet, dass ihre Vielfalt bleibt, und Bestände in der Fischerei nur so weit genutzt, dass sie auf Dauer stabil bleiben. Die Massentierhaltung, die Leid erzeugt, Land verschlingt und das Klima belastet, wird abgebaut. Was an Tieren gehalten wird, wird gehalten, wie es Wesen zusteht, die fühlen. Ernährung ist zugleich Teil der Grundversorgung. Grundnahrungsmittel sind ein Anspruch, und weil die ökologischen Kosten in jedem Preis stecken, ist das Regionale, Saisonale und Schonende auch bei den Wahlgütern die naheliegende Wahl, nicht der teure Luxus. So beginnt Ernährung mit Respekt: vor der Natur, vor den Tieren und vor dem eigenen Körper.
Energie und die lange Zukunft
Die materielle Grundlage einer dauerhaften Zivilisation ist Energie, die den Planeten nicht verzehrt. SOLIS baut deshalb auf erneuerbare, dezentrale und widerstandsfähige Energiesysteme: Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme, verbunden durch Speicher und intelligente Netze, die Schwankungen ausgleichen. Über die Fonds investiert es in das, was darüber hinausführen könnte, von der Fusion bis zu Speichern, die es heute noch nicht gibt, ohne die Gegenwart auf Versprechen zu bauen. Fossile Energieträger werden vollständig abgelöst. Und Energie wird nicht nur anders erzeugt, sondern auch weniger verbraucht. Ein Erzeugnis, das ein Leben lang hält, eine Stadt, in der die Wege kurz sind, ein Netz, das nichts verschwendet, sparen mehr, als jede Anlage liefert.
Dass die Versorgung verteilt ist, hat nicht nur ökologische Gründe. Eine verteilte Versorgung fängt Ausfälle ab, die eine zentrale niederwürfe. Fällt ein Teil aus, tragen die anderen, und kein einzelner Knoten hält die Versorgung der Gesellschaft in der Hand. So trifft sich die ökologische Notwendigkeit mit der Logik des ganzen Werkes: kein Monopol auf eine zentrale Ressource, sondern ein Netz, das in seiner Verteiltheit stark ist. Auf dieser Grundlage, einem sich erholenden Planeten und einer Energie, die ihn nicht aufzehrt, wird die ferne Zukunft, von der dieses Werk spricht, überhaupt erst möglich. Wir retten dabei nicht „die Erde“. Die Erde käme ohne uns zurecht. Wir retten uns selbst.